DiesePreidgt wurde am 25.10.2015 von Pastor Jasper Burmester gehalten.


Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis –

25.10.2015 – über Matthäus 5, 38-48

von Pastor Jasper Burmester

"Haltet auch die andere Backe hin?

Liebet eure Feinde?"

Liebe Gemeinde,

in was für Zeiten leben wir! Da geschehen Dinge, die sind so schrecklich und grausam, dass man die Augen und Ohren davor verschließen möchte. Und da geschehen Dinge, die lassen mich hoffen, dass das Gute sich am Ende durchsetzt. Menschliche Taten, menschliche Möglichkeiten allesamt – die grausamen und die rettenden, und alle Variationen dazwischen.

Unser eigenes Land ist in vielen Fragen gespalten, unsicher, es wird nicht nur gestritten, sondern auch verunglimpft, beleidigt, attackiert, gebrandschatzt. Sorgen und Fragen können von Hasspropaganda getrieben in Hetze und Taten umschlagen. Und zugleich erlebt unser Land eine schon lange nicht mehr gesehene Mobilisierung des Guten, der Hilfe und des Einsatzes mit ganzer Kraft.

Das ist die Stimmung, das ist die Lage, in der wir uns den Worten der Bergpredigt aussetzen, den Worten, die wohl überwiegend auf Jesus selbst zurückgehen und die uns fordern.

Es sind zwei der sechs Antithesen der Bergpredigt, die wohl inhaltlich zusammenhängen, aber doch verschiedene Akzente setzen. Ich will darum nacheinander auf beide eingehen.

Die erste dieser Antithesen lautet: Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24):Auge um Auge, Zahn um Zahn.Ich aber sage euch: leistet dem Bösen keinen Widerstand! Sondern wer dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere. Und wenn jemand mit dir prozessieren will und dir deinen Untergewand nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand zu einer Meile Frondienst zwingt, geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet. Und wende dich nicht ab von dem, der von dir etwas borgen will.

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das ist die bekannte Regel. Wir haben uns immer noch nicht abgewöhnt, sie antijüdisch zu hören und misszuverstehen. Denn auch diesesJus talionisgenannte Prinzip verfolgt bereits das Ziel, Konflikte und Streitigkeiten zu begrenzen, ohne die uns Menschen eigene Tendenz, Konflikte immer weiter auszuweiten und zu steigern. Wir müssen das so hören: Für ein Auge nur ein Augeund nicht etwa mehr! Für den Zahn nur einen Zahn, und nicht etwa mehr. Überdies wurde dieses Recht im jüdischen Kulturbereich fast ausschließlich

über Ausgleichszahlungen und Ersatzleistungen praktiziert. Die konkreten Beispiele Jesu setzen diese Linie radikalisiert fort:

Es sind drei Beispiele aus unterschiedlichen Situationen. Wenn ich meinem Gegenüber auf der rechten Backe eine Ohrfeige gebe, dann geht das nur mit der linken Hand oder mit der Rückseite der rechten. Eine Ohrfeige an und für sich ist schon eine gewaltige Kränkung, eine schmerzhafte Beleidigung. Mit links geschlagen zu werden scheint diese Beleidigung noch verstärken zu sollen. Hier geht es nicht um Gewaltverzicht, sondern darum, Kränkungen dieser Art zu ertragen und sich nicht in die Spirale von Aktion und Reaktion hineinziehen zu lassen. Das zweite Beispiel lässt an einen Pfändungsprozess denken, einem Armen soll das (letzte) Hemd gepfändet werden. Dass er auch den Mantel hergeben soll ist eine provozierende Zuspitzung, denn der Mantel ist ja viel wertvoller. Die Botschaft ist: Lasst euch überhaupt nicht in Prozesse verwickeln und verzichtet sogar auf das Armenrecht. Die dritte Situation ist wiederum völlig anders: Im besetzten Palästina hatten die Römer und ihre Beamten und Soldaten das Recht,jedermann in den Frondienst zu nötigen, das Gepäck tragen zu lassen und andere Zwangsarbeit zu tun. Hier wird nun gesagt: Trag diese Last nicht die eine Meile, zu der du verpflichtet wurdest, sondern zwei. So unterschiedlich diese von Jesus verwendeten Beispiele sind, gemeinsam ist ihnen die Absicht, Feindschaft durch De-Eskalation zu kontern. Darin ist ein Überraschungsmoment für den anderen, der mit Widerstand und nicht mit Entgegenkommen rechnet. Es ist eine Provokation, ein Ausstieg aus dem normalen Regelkreis der Gewalt.

Schwierig daran ist nur die – wahrscheinlich vom Evangelisten stammende – Zusammenfassung in dem Satz: „Leistet dem Bösen keinen Widerstand.“ Das ist vor allem in der Generalisierung nur schwer zu verstehen und noch schwerer zu ertragen. Schon früh haben Ausleger darum diesen Satz so interpretiert: „Führt keine Prozesse, um euch gegen Unrecht zu wehren“ oder haben eingeschränkt, dass dieses Gebot nur innerhalb der christlichen Gemeinschaft gelte.

Wie können wir heute, im Herbst 2015, mit so einem Satz umgehen? Da ist das Böse in unserer Welt in vielerlei Gestalt präsent. Das Spektrum reicht vom IS bis zu Hassrednern auf hiesigen Demonstrationen und Brandstiftern und Attentätern, die Politikerinnen und Helfer des Roten Kreuzes angreifen. Dem keinen Widerstand leisten? Das geht in meinen Augen nicht. Aber die genannten Beispiele, die den Regelkreis der Gewalt und der Steigerung und Ausweitung von Konflikten durchbrechen wollen, haben auch im Widerstand gegen das Böse ihre Berechtigung. Wir werden des Bösen nicht Herr, werden es nicht eingrenzen können, wenn wir dem Bösen immer noch Böseres, der Gewalt immer noch mehr Gewalt, dem Unrecht

immer noch größeres Unrecht entgegensetzen. Wenn es immer nach der Devise „wie du mir so ich dir“ zugeht – dann lassen wir uns das Gesetz des Handelns immer von anderen vorschreiben. Damit werden wir nichts in dieser Welt bessern können.

Eng daran schließt sich die andere Antithese an: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

damit ihr Kinder eures Vaters in den Himmeln werdet. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

Das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst ist keine christliche Erfindung, es gehört zum Kernbestand der Thora, des jüdischen Grundgesetzes. Ein Gebot, den Feind zu hassen lässt im Text des Alten Testaments und anderer jüdischer Überlieferung allerdings nirgends finden. Wohl aber in der Gemeinschaft von Qumran, die zur Zeit Jesu existierte und lehrte, die „Söhne der Finsternis zu hassen“.

Nun ist es ja nicht so schwierig, die zu lieben, von denen man ein ähnliches erwarten darf, auch wenn es dabei zu mancherlei Enttäuschungen kommt. Das Lieben auf Gegenseitigkeit ist nicht schwer, Nächsten- und Selbstliebe fallen gewissermaßen in eins zusammen.

Aber den Feind lieben, denen wohl zu tun, die mich hassen, die zu segnen, die mich verfluchen und für die zu beten, die mich verfolgen: Das ist eine radikale und radikal neue Forderung Jesu. Sie widerspricht unseren natürlichen Instinkten. Darum kann sie auch nur vom Glauben her begründet werden, wie Matthäus es hier tut. Denn mit dem Versuch, dieses Gebot Jesu zu erfüllen, sollen wir dem ähnlich werden, der die lebenserhaltende Sonne und den lebensnotwendigen Regen allen Geschöpfen zukommen lässt, Gott, als dessen Kinder wir uns gerade dadurch erweisen, dass wir versuchen, uns erkennbar anders, liebender, zu verhalten als der Rest der Welt. Vollkommen sollen wir sein, wie Gott. Das ist ein unerhörter und wohl unerfüllbarer Anspruch. Das heißt nicht, es nicht dennoch zu versuchen.

Aber wer ist denn eigentlich gemeint, wer ist denn dieser mein Feind, den ich nicht nur nicht hassen, sondern lieben soll? Ich persönlich habe keine Feinde. Allenfalls fallen mir Menschen ein, mit denen ich mich nicht gut verstehe oder die mich unsympathisch finden, wie auch umgekehrt ich Menschen mag und andere nicht. Aber Feindschaft, Hass geradezu? Da fällt mir keiner ein. Wie geht es Ihnen? Haben

Sie Feinde? Den Nachbarn, mit dem es ewig Streit um die Hecke gibt? Die Kollegin, von der sie sich gemobbt fühlen? Vielleicht hat der eine oder die andere einen Feind.

Politisch hat unser Land schon eine ganze Weile keine Feinde mehr, jedenfalls keinen, den wir von uns aus als Feind ansehen. Der kalte Krieg, der unser Land zerriss und in dessen Schatten auch ich aufgewachsen bin, ist seit 25 Jahren vorbei und an den vielen heißen Konflikten unserer Tage sind wir als Land, als Nation, nur mehr indirekt und als Bündnispartner beteiligt.

Es gibt allerdings umgekehrt im Inneren wie auch im Äußeren Menschen, die sich als Feinde unseres Landes, unserer Demokratie aufführen, die unser Land und unser System als Feind betrachten und sich so verhalten. Auch auf die Gefahr hin, dass - wie es die Rechtsradikalen in unserem Land offen tun – sie unser Rechtssystem verachten, das nicht auf Rache aus ist sondern auf Schutz der Opfer und Besserung der Täter, dürfen wir uns nicht davon abbringen lassen. Auch auf die Gefahr hin, dass – wie es islamistische Gruppen auch hierzulande tun – sie die Freiheit der Meinung missbrauchen, um ihre Feindschaft offen auszudrücken, dürfen wir uns nicht dazu hinreißen lassen, diesem Hass mit Hass zu begegnen. Auch auf die Gefahr hin, dass uns daraus wirtschaftliche Nachteile entstehen, dürfen wir uns nicht dazu hergeben, einer der größten Waffenexporteure der Welt zu bleiben. Auch auf die Gefahr hin, dass wir unseren Lebensstandard absenken müssen, müssen wir in unserem persönlichen Verantwortungsbereich als Konsumenten und Wähler darauf hinwirken, dass die Handelsbeziehungen zu den durch unseren Lebensstil ausgebeuteten Menschen und Völkern gerechter und fairer gestaltet werden, wenn wir nicht wollen, dass sich weitere Millionen Menschen sich auf den Weg zu uns machen.

Den Feind sollen wir lieben wie unseren Nächsten wie uns selbst. Das ist ein wohl unerfüllbares Gebot. Und es ist zugleich eine ewige Herausforderung, der wir uns stellen müssen und stellen und die indirekt und unausgesprochen einen starken Einfluss auf das politische Wollen und Handeln unseres Landes hat. Und so ich bin dankbar, in einem Land leben zu können, dass zwar Feinde hat, das aber niemanden von sich aus zu Feinden erklärt. Wir alle stehen in der Verantwortung, dass das so bleibt. Amen



 




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