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Abschied und Neuanfang
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Liebe Leserinnen und Leser,
zu mitternächtlicher Stunde in dieser Silvesternacht werde ich nach
fast vier Jahrzehnten als Pastor unserer Kirche in den Ruhestand
versetzt. Wohlverdient sei er, so wird mir immer wieder versichert.
Aber, habe ich mir meinen Ruhestand verdient?
Nun soll ich ein geistliches Wort schreiben zur Weihnacht und zum
Abschied. Wie geht das zusammen? Als ich beide Anlässe in meinem Herzen
bewegte, kam mir die greise Person des Simeon in den Sinn. Simeon ist
auch ein Mensch auf der Grenze. Und die Grenze ist bekanntlich der
fruchtbarste Ort der Erkenntnis. Simeon ist alt geworden. Er hat seine
Erfahrungen gemacht. Manche Träume werden ihm zerplatzt sein, manche
Enttäuschung wird er erlebt haben. Manchen Streit hat er
durchgestanden, manche Wunden geschlagen und selber manche Verletzung
davongetragen. Auf vieles, was er sich zugutehält und ihm geglückt ist,
wird er mit dankbarer Freude zurückblicken. Er ist alt an Jahren, aber
doch noch nicht lebenssatt. Simeon ist immer noch hellwach und steckt
voller Erwartung. Er könnte sich endgültig zur Ruhe setzten und sich
abfinden mit dem, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat. Für ihn
aber steht noch Entscheidendes aus. Als Mensch im Übergang zwischen
Altem und Neuen Bund wartet er auf das endgütige Heil, auf das Kommen
des herbeigesehnten Messias.
Als meisterhafter Erzähler bringt der Evangelist Lukas die Gestalt des
Simeon zum Ende seiner weihnachtlichen Geschichten ins Spiel. Er gehört
nicht zu den Ersten, die unmittelbar an der Geburt des göttlichen
Kindes teilhaben. Im Tempel in Jerusalem kommt es für ihn zu einer
berührenden Begegnung, die ihn schier ausflippen lässt. Er nimmt das
Jesuskind auf den Arm und spricht ein bewegendes Gotteslob. Wer weiß,
wie lange Simeon auf diesen Tag gewartet hat? Aber dann ist er da.
Jetzt lebt er noch einmal auf, segnet liebevoll dieses Kind und seine
Eltern, sagt Leben und gleichzeitig Leiden voraus. Alle Welt, alle
Juden und Heiden sollen das Licht des Heilands sehen. So sagt und spürt
es Simeon.
In der Bereitschaft zum Loslassen erkenne ich mich in Simeon wieder:
Gott, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren. Mit dieser Zusage
möchte ich aus meinem Amt als Pastor und auch aus Volksdorf gehen, mich
aber nicht gleich in die Ewigkeit verabschieden, sondern vorerst nach
Hummelsbüttel. Ich möchte gerne noch einige Jahre leben und mehr freie
Zeit haben für mich und die Menschen, die mir lieb sind. Vor allem aber
möchte ich die Möglichkeit nutzen weg von dem, was ich »noch« kann, zu
dem, was ich immer schon wollte.
Simeon und das Christuskind: ein schönes Bild für uns Christenmenschen,
Begegnung im Übergang. Auch nach der Geburt Christi sind wir weiter
unterwegs. Was wird bleiben von der Weihnachtsfreude, was wird die
Zukunft bringen? Zwischen Rückblick und Vorausschau spannt sich der
Bogen. Lassen können und gelassen werden, gespannt und entspannt leben,
vom ersten bis zum letzten Atemzug. Denn, jung oder alt, wir sind
erlöst. Unsere Sehnsucht ist gestillt und bleibt doch geweckt. Bis
unser Herz endgültig Ruhe finden wird in Gott. Leben, Freude, Frieden –
all das ist schon auf der Welt und will noch weiter wachsen – wie ein
Kind.
Im Übergang von Abschied und Neuanfang möchte ich mich bei allen
bedanken, die mir hilfreich zur Seite gestanden haben, um Verständnis
bitten bei allen, die sich an mir geärgert haben, und die um Verzeihung
bitten, denen ich etwas schuldig geblieben bin.
Adieu und Tschüß, also Gott befohlen,
Claus-F. Dierking
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