Auschwitz Gedenkstättenbesuch vom 14. - 18. März 2011

Es begann am 27. Januar, dem Jahrestag der  Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz.
Mit einer kleinen Gruppe aus der Jugendarbeit nahmen wir an der  Gedenkveranstaltung  bei den Gedenksteinen für die Opfer der Außenstelle Sasel des Konzentrationslagers Neuengamme auf unserem Bergstedter  Kirchengelände teil. Die Verlesung der Namen der Opfer, die Beiträge der Teilnehmenden,  die sowohl Bezüge zu Tätern wie Opfern des Holocoust deutlich machten, beeindruckten uns und weckten das Interesse daran, selber
nach Auschwitz zu fahren.
Über die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste kamen wir in Kontakt mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Owiecim/Auschwitz (IJBS).
Die fünf Tage in Polen wurden für uns zu einer Abfolge extremer Gegensätze und Erschütterungen. Owiecim/Auschwitz, das je nach seiner Zugehörigkeit zu Polen oder Deutschland den Namen wechselte, empfing uns als nette überschaubare Kleinstadt.
Zunächst sahen wir einen dokumentarischen Film über die Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 durch die Sowjetarmee: ausgemergelte Überlebende mit zahlreichen Anzeichen von Folter und Misshandlungen, erfrorene Leichen, riesengroße Gefängnisanlagen,  Gaskammern …
Am nächsten Morgen gingen wir zu Fuß zum Stammlager Auschwitz. Schon auf dem Weg wurde uns mulmig. Das Lager gehörte quasi zur Stadt dazu, ein Teil der Lagergebäude waren später zu Wohnhäusern umgebaut worden. Wie kann mensch hier leben? So direkt neben dem Lager. Dieser Spannungsbogen des Nebeneinanders von Grauen und Normalität oder sogar Banalität prägte den Vormittag. Einer der Jugendlichen hat es so formuliert: „Die Stimmung war
bedrückend, jedoch konnte ich mich aufgrund des massiven Touristenstroms nicht mit dem Ort auseinandersetzen, wie ich es gerne getan hätte.“ Und als wir am Ende draußen vor dem Museum neben einer jüdischen Gruppe einen
Moment über das Gesehene nachdachten, war die Verunsicherung groß: Scham, Schweigen, der Versuch, das eigene Protestverhalten gegen Rechts in Deutschland in Verbindung mit dem Gesehenen zu bringen, zugleich Unfähigkeit, Angst und (vermutlich berechtigte) respektvolle Vorsicht, ins Gespräch zu kommen.
Bei der Exkursion nach Krakau kam es dann abends völlig ungeplant zu einer wichtigen Begegnung. „Wir trafen auf dem Rückweg von dem Sports Pub, in dem wir Fußball geguckt haben, Michael. Er ist ein aus Jerusalem stammender Jude, mit dem wir uns auf Anhieb gut verstanden. Er hat jedem von uns den ‚Lion of Zion‘ als Brosche geschenkt.
Das war für mich der – im nahezu wahrsten Sinne des Wortes – goldene Abschluss des Tages.“
Am Donnerstag steht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auf dem Programm. Es ist kalt und regnet. In uns steigt eine grenzenlose Erschütterung über die Dimension des Bösen und das unfassbare Grauen und das unsägliche Leid, was unsere deutschen Vorväter und -mütter hier Menschen jüdischen
Glaubens angetan haben, in uns auf. Noch einmal die Wahrnehmung der Jugendlichen: „Wir sind nun in Birkenau. Das Ausmaß ist erschreckend. Die Gruppe leidet unter diesem Ort mehr, als ich dachte. Das gleiche gilt auch für mich. Wir befinden uns am Ende unserer Führung in einem Raum, in dem die persönlichen Fotos der Opfer ausgestellt sind. Das Schreckliche an den Fotos ist, dass sie leider viele Babies und Kleinkinder zeigen, die von den Nazis
gewissenlos ermordet wurden.“
Am Nachmittag haben wir Herrn Kazimier Smolens zum Zeitzeugengespräch zu Gast. Er gehörte zum polnischen Widerstand und war von 1941 bis zur Befreiung in Auschwitz interniert. Seine Ausführungen über die systematische Barbarei und die willkürlichen Ermordungen können wir nach dem Vormittag kaum noch ertragen.
Nach einem weiteren Besuch im Stammlager Auschwitz treten wir am Freitag die Rückreise an. Die Rückkehr ist befreiend und unwirklich zugleich. Wir haben alle massive Schwierigkeiten, wieder im normalen Leben anzukommen. Diese Verbrechen, aber vor allem die bestialische Verrohung und Unfähigkeit der Täter zu Mitgefühl, haben uns massivst erschüttert und verstört.
Diese Reise hat unser Leben verändert.
Von Auschwitz zu berichten ist eigentlich unmöglich. Aber es ist wichtig, dort hinzufahren, der Opfer zu gedenken und dafür einzutreten, dass Verbrechen weiter als solche benannt werden und nie wieder geschehen.
Unser Dank gilt allen, die sich für diese Erinnerungsarbeit engagieren. Bezuschusst wurde unsere Reise vom deutsch-polnischen Jugendwerk und der Evangelischen Jugend Hamburg.
Diakon Oliver Wildner


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