Kirche am Rokenhof
Karfreitag, 6.April 2012 . um 18 Uhr
Johann Sebastian Bach: Markus-Passion
Rekonstruktion von Frank Vollers
Hamburger Erstaufführung
Nicole Hoff, Sopran; Nicole Pieper, Alt; Stephan Zelck, Tenor; Titus Witt, Bass
Sebastian Dunkelberg, Sprecher
Kantorei am Rockenhof, capella alta tilia, Leitung: Volkmar Zehner
Eintritt: € 10,- bis € 25,-
Karten im Vorverkauf bei der Buchhandlung v. Behr, Im Alten Dorfe, und im Kirchenbüro Restkarten an der Abendkasse
Markus-Passion?
Jeder, der mit Bachs Kirchenmusik in Berührung kommt, kennt die
Johannes-Passion und die Matthäus-Passion, aber eine Markus-Passion
dürfte vielen unbekannt sein, denn nur ganz gelegentlich wird hier und
da die Markus-Passion von Bach aufgeführt. Was hat es also auf sich mit
dieser merkwürdigen Komposition, die so deutlich im Schatten ihrer
beiden großen Schwestern steht?
Im Nachlassverzeichnis spricht der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel von
fünf Passions-Musiken seines Vaters, benennt sie aber nicht im
einzelnen. Zwei Passionen, die bereits erwähnten Vertonungen
nach Johannes und Matthäus, sind überliefert. Über das einstmalige
Vorhandensein einer Weimarer Passions-Musik von 1717 und einer
Markus-Passion sind wir durch begleitende Dokumente wie
Honorarzahlungen und Textdrucke informiert; von einer fünften Passion,
die vermutlich eine Lukas-Passion war, fehlt jegliche Spur.
Wie konnte es so weit kommen, dass bedeutende Werke Bachs
verlorengingen? Eine Hauptursache ist die Erbteilung nach Bachs Tod:
alle seine Söhne wurden mit Musikalien bedacht; nicht alles wurde
danach behutsam aufgehoben und archiviert, und so manches wurde in
ungeeignete Hände weitergegeben oder verkauft. Dieses Schicksal ereilte
auch die Markus-Passion, bei der wir nicht einmal wissen, wer Partitur
und Stimmen-Material erbte.
Wie ist es also möglich, dass trotz Verlust aller Original-Noten Bachs
Markus-Passion heute in großen Teilen erklingen kann? Zwei Glücksfälle
der Musikgeschichte kommen uns hierzugute:
zum einen ist das Libretto, mehrfach überliefert, zum anderen bediente
sich Bach des sogenannten Parodie-Verfahrens, das z.B. auch bei der
Entstehung des Weihnachts-Oratoriums eine wesentliche Rolle spielte.
Der Text zur Markus-Passion wurde, wir zuvor schon zur
Matthäus-Passion, von Christian Friedrich Henrici (genannt Picander)
geschrieben bzw. zusammengestellt und im Druck veröffentlicht. Außerdem
ist ein Textheft zu einer Aufführung der Markus-Passion im Jahre 1744
(St. Thomas Leipzig) erhalten: es wurde 2009 in Leningrad aufgefunden.
Bereits Wilhelm Rust (1873) und Friedrich Smend (1940) wiesen aufgrund
spezifischer Merkmale der Dichtung nach, dass Bach für die
Markus-Passion bereits vorhandene Musik wieder benutzt hatte: fünf
Sätze der Trauerode von 1727 und eine Kantaten-Arie von ca. 1714.
Belegbar sind die beiden Jahre 1731 und 1744, vermutlich wurde die
Markus-Passion aber öfter aufgeführt, die Erstaufführung fand 1728 oder
1731 statt. Das Libretto Henricis enthält acht Arien, zwei Chöre, 16
Choräle und 24 Abschnitte mit dem Passions-Bericht nach Markus; die
insgesamt 50 Sätze gruppieren sich zu zwei Hälften um die Predigt
herum. Diesmal lautet der Beginn des großen Eingangschores: „Geh, Jesu,
geh zu deiner Pein! Ich will solange dich beweinen“. Eine Besonderheit
im Instrumental-Ensemble ist der umfängliche Einsatz zweier Gamben, die
bereits der Trauerode ein besonderes Kolorit verliehen haben.
Am kommenden Karfreitag wird in Hamburg-Volksdorf die Markus-Passion
von Bach aufgeführt. Sie wird sich fundamental von allen bisherigen
Aufführungen seit dem Verlust der Original-Materialien in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts unterscheiden: denn zu weiteren vier Arien
wird nun erstmals die Originalmusik Bachs erklingen. Glücklicherweise
hatte Bach sich entschieden, für seine Messe h-Moll auch Musik aus der
Markus-Passion zu entlehnen, da sie offenbar den hohen ästhetischen
Ansprüchen, die Bach an seine große Messkomposition legte, entsprach.
Genau die vier bisher fehlenden Arien finden sich nun mit lateinischem
Text in der Messe h-Moll wieder und können quasi
Ich darf mich glücklich schätzen, dass meiner Entdeckung nun auch die
musikalische Realisierung folgen wird: Sascha Lehmann (Verlag
sol-kreativ) hat das gesamte Notenmaterial neu ediert, KMD Volkmar
Zehner wird mit vier Solisten, Sprecher, Barock-Orchester und der
Kantorei Rockenhof die Markus-Passion am Karfreitag aufführen.
Frank Vollers, Kirchenmusiker, Tonndorf und Hinschenfelde
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